Nachbericht Konferenz zu Biodiversität und Klimawandel 2017

Biodiversität und Gesundheit im Angesicht des Klimawandels

Die diesjährige Europäische Konferenz zu Biodiversität und Klimawandel (ECBCC) fand von 27. bis 29.6. 2017 zum Thema „Biodiversity and Health in the face of Climate Change - Challenges, opportunities and evidence gaps“ in Bonn statt.

Veranstaltet wurde die Konferenz vom deutschen Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem ENCA (European Network of Heads of Nature Conservation Agencies) in Kooperation mit dem UFZ (Helmholtz-Centre for Environmental Research) und dem iDiv (German Centre for Integrative Biodiversity Research). Die TeilnehmerInnen erwartete ein vielfältiges Programm, welches die komplexe Materie aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtete. Im Folgenden einige ausgewählte Blitzlichter aus der Veranstaltung:

Tag 1, 27.6.: Wechselbeziehungen von Biodiversität, Gesundheit und Klimawandel

Am Vormittag des ersten Tages wurde die Wechselbeziehung zwischen Biodiversität, Gesundheit und Klimawandel beleuchtet. Ronan Uhel (EEA) erläuterte beispielsweise, dass Beweise für diverse Zusammenhänge zunehmend auch im politischen Kontext, wie etwa im siebten Umweltaktionsprogramm (EAP) wiederzufinden seien. Er zeigte auch, dass Gesundheit, Wohlbefinden und das Naturkapital einigen gemeinsamen Bedrohungen ausgesetzt seien – Stichworte Klimawandel und Luftverschmutzung. Er verdeutlichte, dass es notwendig sei, die verfügbaren Argumente und Schlussfolgerungen in verschiedene Politikbereiche zu tragen und die EntscheidungsträgerInnen an einen Tisch zu bringen.

Terry Hartig (Uppsala University) erläuterte einige spannende Fakten aus umweltpsychologischer Sicht und stellte klar dar, dass es nicht nur darum gehe, in einer Umwelt zu leben, die Erholung erlaube, sondern in einer Umgebung, welche diese auch fördere. Hartig verdeutlichte, dass gerade die Natur den Bedarf nach Erholung besonders gut erfülle. Durch Fördern des Vorhandenseins einer größeren Anzahl solcher erholsamen Umfelder („restorative environments“) seien zudem subtile Wirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung zu erzielen.

Kevin Gaston (University of Exeter) konzentrierte sich stärker auf den Naturschutzaspekt im Kontext von Biodiversität und Gesundheit. Dabei verdeutlichte er, dass der Klimawandel den Artenverlust auch in Schutzgebieten vorantreibe, da diese immer isolierter werden und dadurch eine Wiederbesiedlung der Gebiete erschwert werde. Er zeigte auf, dass der Biodiversitätsverlust mehrere gravierende Folgen für die Gesundheit mit sich bringe, wie etwa weniger Gelegenheiten für direkte und indirekte Naturerlebnisse sowie eine reduzierte „Dosis“ an Natur. Laut Gaston werde der Naturschutz in der breiteren Landschaft außerhalb von Schutzgebieten eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum gehe, Biodiversität im Sinne von Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten. Davon profitierten sowohl Schutzgebiete, die von diesen Landschaften umgeben sind, als auch das öffentliche Gesundheitswesen.

Catharine Ward Thompson (University of Edinburgh) stellte schlüssig dar, dass wir verschiedene Arten von Grünräumen brauchen: Grünflächen im Umfeld, die gut zu sehen sind, seien wichtig für unsere Stimmung, Stressabbau und mentale Regeneration. Kleine Flächen auf lokaler Ebene seien gut für Kinder als Spielplätze geeignet oder auch als Schattenspender an heißen Tagen. Netzwerke an grüner Infrastruktur machen die Fortbewegung in der Stadt attraktiver, große Parks und natürliche Flächen würden für aktive Erholung, Sportplätze oder auch Umweltbildung benötigt.

Am Nachmittag wurden konkrete psychologische und physiologische Zusammenhänge erläutert, z.B. wie globale Veränderungen durch Vektoren übertragene Krankheiten beeinflussen oder wie die invasive gebietsfremde Art Ragweed (Ambrosia artemisiifolia) sich auf die Entwicklung von Allergien auswirkt. Außerdem wurde dargelegt, dass eine erhöhte Menge an „Grün“ in Schulen mit verbesserten kognitiven Fähigkeiten einhergeht – SchülerInnen zeigten ein verbessertes Arbeitsgedächtnis je länger sie eine „grünere Schule“ besuchten (Payam Dadvand, IS Global).

Sjerp de Vries (Wageningen University and Research Centre) stellte erste Ergebnisse einer laufenden Studie mit der App „HappyHier“ vor, die über „ökologische Momentaufnahmen“ (EMAs – Ecological Momentary assessments) die „Happiness“ von Personen erfasst. Es wurde gezeigt, dass Menschen in natürlichen Gebieten glücklicher als im bebauten Umfeld sind. Menschen, die einen Garten besitzen, sind desgleichen glücklicher als Menschen ohne Garten oder solche, deren Garten großteils asphaltiert ist.

Über die Notwendigkeit einer gesundheitsorientierten Planungsinitiative, an der sich neben Raumplanung und Naturschutz auch lokale Behörden des öffentlichen Gesundheitswesen beteiligen sollten, berichtete Thomas Claßen (Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen). Über den neu veröffentlichten „Leitfaden Gesunde Stadt“ sollen Aufmerksamkeit geschaffen und Kooperationen zwischen Stakeholdern aus Raumplanung und Gesundheitswesen angeregt werden.

Tag 2: 28.6.2017: Umsetzung in der Praxis, Erfahrungsaustausch und Fragen

Der zweite Tag startete mit einem ausführlichen Vortrag von Elizabet Paunovic, Leiterin des Europäischen Zentrums für Umwelt und Gesundheit der WHO. Sie machte auf die verschiedenen Zusammenhänge, die es innerhalb der SDGs zu den Themen Biodiversität, Gesundheit und Klimawandel gibt, aufmerksam und verdeutlichte, dass sehr viele der SDGs auf eine intakte Umwelt angewiesen sind. Sie stellte auch aufschlussreich dar, dass Biodiversität eine wesentliche Rolle spielt, wenn es um das Funktionieren von Ökosystemen und ihren Leistungen geht. Als besonderes Highlight veröffentlichte die WHO im Rahmen der Konferenz ihre Publikation Urban green spaces: a brief for action, die EntscheidungsträgerInnen und PraktikerInnen als Handlungsanleitung dienen soll.

Nach einer ausführlichen Vorstellung der Aktivitäten des „Healthy Cities Networks Germany“ durch Karsten Mankowski widmete sich der restliche zweite Tag im Rahmen von acht Sessions dem Erfahrungsaustausch und konkreten Fragen. Spannende Inputs gab es zum Beispiel zu den Ansätzen „One health approach“ und „Ecohealth approach“ und zu grenzüberschreitenden Schutzgebieten in Afrika – sogenannten TFCAs (transfrontier conservation areas), welche sowohl die Gesundheit der lokalen Bevölkerung als auch den Erhalt der Ökosysteme fördern. Zudem wurde ein interessantes Werkzeug aus den Niederlanden vorgestellt, mit welchem der ökonomische Nutzen von Städten in Bezug auf Gesundheit und Natur berechnet werden kann: das TEEB-City tool. Sehr aufschlussreich war ferner die Präsentation von Rebecca Jefferson über die unterschiedlichen Aktivitäten, die die RSPB (Royal Society for the Protection of Birds) in Bezug auf Biodiversität und Gesundheit durchführt, wie zum Beispiel die Anlage einer biodiversitätsreichen Umgebung rund um ein neues Wohnprojekt. Das Vorhaben soll sowohl in Hinblick auf seinen Nutzen für den Erhalt der Biodiversität als auch für die BewohnerInnen untersucht werden.

Abgeschlossen wurde der zweite Tag mit einer Präsentation der wesentlicher Erkenntnisse aus den Sessions, welche von intensiven Diskussionen geprägt waren.

Tag 3: 29.6.2017: Politik und „Business“

Am letzten Tag standen die Themen Politik und Wirtschaft im Vordergrund. Birgit de Boissezon (DG Research, Leiterin der Abteilung für nachhaltiges Management der natürlichen Ressourcen) eröffnete die Vortragsreihe des Vormittags und erläuterte die Verankerung der Themen Natur und Gesundheit im „Horizon 2020“-Arbeitsprogramm der EU von 2018-2020. Zudem betonte sie, dass sowohl Biodiversität als auch soziale und ökonomische Faktoren durch das Heranziehen von naturbasierten Lösungen, sogenannten „nature-based solutions“ als Teil der SDGs, gefördert werden können. Ein interaktiver Online-Marktplatz für solche Lösungsansätze, welcher auch aktuelle Fallbeispiele aufzeigt, sei OPPLA.

Stefan Leiner (DG Environment, Leiter der Abteilung für Biodiversität) stellte dar, wie Gesundheitsförderung in der EU-Biodiversitätsstrategie inkludiert ist, auch wenn es kein prioritäres Thema bei der Erstellung der Strategie gewesen sei. Leiner betonte, dass durch das Natura 2000-Schutzgebietsnetzwerk in der EU sehr viele Menschen von gesunden Räumen umgeben sind. 75 % der EU-Bevölkerung leben in weniger als 20 km Entfernung von einem Natura 2000-Gebiet. 18 % des Netzwerks liegen sogar in urbanen Gebieten. Eine der wesentlichen Botschaften von Stefan Leiner war, dass wir eine integrierte Umsetzung im politischen Bereich brauchen, wenn wir das Thema Biodiversität und Gesundheit vorantreiben wollen. „Nature-based solutions“ und grüne Infrastruktur sieht er diesbezüglich als kosteneffiziente Win-win-Lösungen.

Cristina Romanelli (CBD) erläuterte in ihrem Vortrag die Verankerung von Gesundheit im strategischen Plan für die Biodiversität 2011-2020, speziell im Aichi-Ziel 14. Romanelli betonte, wie wichtig es sei, Entscheidungen basierend auf Beweisen und der Einbindung der lokalen Ebene zu treffen. Zudem kündigte sie an, dass dem Bericht „Connecting Global Priorities: Biodiversity and Human Health, a State of Knowledge Review“ ein zweiter Band folgen solle, bei dem es darum gehen werde, vom Wissen in die Umsetzung überzugehen.

Die restlichen spannenden Vorträge von Carol Richie (Europarc Federation), Luc Bas (IUCN) und Patrick ten Brinck (IEEP) zeigten, dass das Themenfeld Biodiversität, Natur, Schutzgebiete und Gesundheit viele verschiedene Bereiche betrifft. Es ist entscheidend, die unterschiedlichen Rollen der Stakeholder zu verstehen und den Nutzen von Natur und Biodiversität für die Gesundheit sowie die Möglichkeiten zur Integration auch zu kommunizieren.

Fazit: Es braucht sektorenübergreifende Zusammenarbeit und politischen Willen

Den Abschluss der Konferenz bildete eine interdisziplinäre Podiumsdiskussion, die zeigte, dass wir sektorenübergreifend arbeiten müssen und im Gesundheitssektor unbedingt höhere Anerkennung für den Nutzen der biologischen Vielfalt für Gesundheit und Wohlbefinden, vor allem im Hinblick auf Gesundheitsförderung und Prävention, erzielen müssen.

Als Output der Konferenz werden Empfehlungen entwickelt, die über die Mitglieder des ENCA-Netzwerks an politische EntscheidungsträgerInnen weitergetragen werden sollen. Zudem wird ein ausführlicher Tagungsbericht veröffentlicht werden.

Mehr Infos finden Sie auf auf der Website der Konferenz.

20170628 Konferenz Bonn   20170628 Kerstin Konferenz Bonn

Fotos: Kerstin Friesenbichler