Standort 1
DIE EISBICHL QUELLE
Hier an der Eisbichl Quelle wird im Rahmen des Projektes „Quellen des Lebens“ die biologische Vielfalt der Quellorganismen untersucht. Die Eisbichl Quelle ist eine sogenannte Rheokrene oder Sturzquelle. Dieser Quelltyp ist dadurch gekennzeichnet, dass das austretende Wasser direkt in einen Quellbach abfließt. Da das Ausseerland Teil der nördlichen Kalkalpen ist, ist sie - wie alle Quellen im Ausseerland – zudem eine Karst-Quelle. Typisch für Karstquellen ist, dass sie über die Jahreszeiten hinweg einen variablen Abfluss zeigen.
Typische Pflanzen an Rheokrenen sind Algen und Moose. Im Wald finden sich in der Nähe oft auch Farne und andere Arten, die sich an feuchten Standorten wohl fühlen. In Laub- und Laubmischwäldern ist das Falllaub ein wichtiger Nahrungseintrag für die Gewässerlebewesen, wogegen die harzreiche Nadelstreu in Nadelwäldern schwerer verdaulich ist und einen höheren Säuregrad des Wassers verursacht. Die Artenvielfalt der Quellorganismen ist in Nadelwäldern daher geringer als in Laub- oder Laub-Mischwäldern.
Die Eisbichl Quelle befindet sich in einem sehr guten ökologischen Zustand und wird in diesem Projekt als „Referenzquelle“ geführt. Das heißt, die Tiergemeinschaft, die wir hier finden, dient als Leitbild für andere, stärker beeinträchtigte Quellstandorte wie zum Beispiel die Dinningmoos Quelle. So können wir feststellen, ob sich verschiedene Schutzmaßnahmen positiv auf die Artengemeinschaft auswirken.
Moosbewachsene Steine und Totholz entlang des Quellbachs der Eisbichl Quelle © Renate Degen
ZEIGERORGANISMEN
Manche Tiergruppen können als sogenannte Zeigerorganismen Auskunft über den Zustand einer Quelle geben. Dazu zählen zum Beispiel die Steinfliegen (Plecoptera) und die Köcherfliegen (Trichoptera), die sehr sensibel auf Störungen in ihrem Lebensraum reagieren. Treten sie also nur selten an einem Standort auf oder fehlen gänzlich, deutet das darauf hin, dass dieser Standort in irgendeiner Weise beeinträchtigt ist. Bei beiden Gruppen handelt es sich um Insekten, die den größten Teil ihres Lebens im Wasser verbringen. Man zählt sie daher zu den „aquatischen Insekten“.
STEINFLIEGEN (PLECOPTERA)
Die Steinfliegen sind eine sehr alte Ordnung innerhalb der Insekten. Ihre Flugkünste sind eher bescheiden und sie halten sich meist gut verborgen in der Nähe ihrer Brutgewässer auf. Aufgrund ihres hohen Sauerstoff-Bedarfs und eingeschränkten Mobilität gelten gewisse Arten als besonders gefährdet. Dazu kommt, dass die Larven der Steinfliegen sehr empfindlich auf chemische oder physikalische Veränderungen ihrer Wohngewässer reagieren. Ihre Entwicklung findet ausschließlich im Wasser statt und kann mehrere Jahre dauern. Die Larven ernähren sich entweder von totem organischen Material oder weiden den Belag aus Algen und Mikroorganismen von Steinen ab. Die größeren Arten ernähren sich oft räuberisch von anderen Lebewesen, man sagt, sie sind „karnivor“. Gegenwärtig sind in Österreich 136 Arten von Steinfliegen bekannt.

Larve von Perla marginata, einer Steinfliege. © Wolfram Graf
KÖCHERFLIEGEN (TRICHOPTERA)
Die Köcherfliegen sind ebenfalls eine eigene Insektenordnung und die aquatischen Verwandten der Schmetterlinge. Mit Ausnahme von wenigen Arten entwickeln sich die Larven und Puppen der Köcherfliegen im Wasser. Ihr wissenschaftlicher Name Trichoptera deutet an, dass die Flügel mit feinen Haaren versehen sind (griechisch Trichos = Haar, pteron = Flügel). Ihr deutscher Name bezieht sich auf ihre köcherförmigen Gehäuse, die die Larven mittels eine Seidenfadens aus verschiedenstem Material, zum Beispiel kleinen Steinchen oder Pflanzenteilen, anfertigen. Je nach Art ernähren sie sich entweder von Nahrungspartikeln, die sie mit selbstgesponnenen Netzen aus Seide aus dem Wasser filtern, von Algen oder Mikroben die sie von Oberflächen „abgrasen“, vom Zerkleinern von Blattresten oder von anderen Tierarten. In Österreich kennt man übrigens 312 verschiedene Arten von Köcherfliegen.
Larve von Micrasema morosum, einer Köcherfliege. © Wolfram Graf (BOKU)
Filtrierende Larven von Köcherfliegen. © Wolfram Graf (BOKU)
DIE METAMORPHOSE
Am Ende ihrer Entwicklung als Larven kommt es bei beiden Gruppen zu einer Verwandlung, der sogenannten Metamorphose. Die wasserbewohnenden Larven der Köcherfliegen durchlaufen– wie die Schmetterlinge - ein Puppenstadium, in dem sie sich in geflügelte Insekten verwandeln. Steinfliegen zählen zu den Insekten-Ordnungen mit unvollkommener Verwandlung, die ausgewachsenen Larven wandern an Land, schlüpfen aus der letzten Larvenhaut und entfalten ihre Flügel.
Beide Gruppen leben als Adulttiere an Land, wo sie mittels akustischer Signale bzw. Duftstoffe ihre Partner finden. Die Eier werden wieder am oder in das Wasser abgelegt, wodurch ein neuer Entwicklungszyklus beginnt.
Köcherfliege (links) und Steinfliege (rechts) © Wolfram Graf (BOKU)
Nach der Metamorphose wandern die Tiere vom Gewässerbett nach oben; dabei können sie mit Emergenzfallen nachgewiesen werden. Es handelt sich dabei um netzbespannte Pyramiden an deren oberen Ende sich ein Auffangbehälter befindet, in dem die aus dem Wasser aufsteigenden Insekten fixiert werden. Die Fallen werden in regelmäßigen Intervallen geleert, um die Tiere auf die Art zu bestimmen. So kann festgestellt werden, welche Arten in welcher Häufigkeit an einem Standort vorkommen.
Emergenzfalle © Renate Degen
QUELLEN SCHÜTZEN
Quellen sind der Ort an dem Grundwasser an die Oberfläche kommt und damit die Schnittstelle zwischen unterirdischem Wasser und oberirdisch abfließendem Wasser. Der Lebensraum Wasser und der Lebensraum Land sind hier eng miteinander verzahnt, die dadurch entstehende Fülle an ökologischen Nischen macht Quellen und auch die angrenzenden Quellbäche zu einzigartigen Lebensräumen. Quellen – mit Ausnahme von Karstquellen – sind generell sehr stabile Habitate, da sie ganzjährig geringe Wasser- und Temperaturschwankungen aufweisen. Ein Großteil der Lebewesen, darunter ein hoher Anteil an endemischen Arten (also Arten, die nur an einem einzigen Standort vorkommen), sind speziell an quelltypische Bedingungen (hohe Luftfeuchtigkeit, niedrige Wassertemperatur) angepasst und daher sehr sensibel gegenüber Umweltänderungen. Umso wichtiger ist es, diese besonderen Lebensräume zu schützen!
© Thomas Kranabitl (ÖBf)
Menschliche Eingriffe an Quelllebensräumen können drastische Folgen hinsichtlich der Artenvielfalt haben. Im Folgenden sind einige Maßnahmen zum Schutz von Quelllebensräumen aufgelistet.
- Nicht unbedingt benötigte Quellfassungen und Verrohrung von Quellbächen sind zurückzubauen.
- Auf Weidegebiet sind Quellen und Quellbäche auszuzäunen, um Viehtritt und Eintrag von Fäkalien zu vermeiden.
- Viehtränken sind weit entfernt des Quelllebensraumes anzulegen; ein Trockenfallen des Gewässers ist unbedingt zu vermeiden.
- Wildfutterstellen (Kirrungen und Salzlecken) sind nicht in der Nähe des Quellgebiets anzulegen, um Trittschäden und Suhlen zu vermeiden.
- Standort-typische Ufervegetation ist zu fördern bzw. zu initiieren.
- Jeglicher menschlicher Abfall wie Schnittgut (z. B. Äste), Mähgut etc. darf nicht in Quellen und Quellbächen (wie auch in anderen Gewässertypen) deponiert werden.
- Natürlich anfallendes Totholz darf nicht entfernt werden.
- Das Umfeld von Quell-Lebensräumen ist allenfalls extensiv zu bewirtschaften.
- Wege sind abseits von Quellgebieten anzulegen.
Dieses Projekt wird durch den Biodiversitätsfonds des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie gefördert. Das Projekt wird vom Umweltdachverband in Kooperation mit den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf AG) und der Universität für Bodenkultur (BOKU) durchgeführt.
