Die Antwort auf die Energiekrise: Selbst erzeugen statt importieren!
Doris Pennetzdorfer, Expertin für naturverträgliche Energiewende und Klima im Umweltdachverband
Die Rechnung der fossilen Abhängigkeit
Bereits 2022 hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine Österreich deutlich vor Augen geführt, wie stark wir immer noch von fossilen Energieimporten abhängen. Nur vier Jahre später treffen uns erneut die Folgen weltpolitischer Unberechenbarkeit und Skrupellosigkeit mit ähnlicher Stärke – denn wirklich gelernt haben wir schon aus der ersten Krise recht wenig:
In Österreich werden derzeit (2023/24) nach wie vor rund 450.000 Haushalte überwiegend mit Öl beheizt. Auch der Anteil von Gas für Wärme und Stromerzeugung wurde in den vergangenen Jahren nicht ausreichend reduziert. Rund 850.000 Gasheizungen sind weiterhin in Betrieb. Im Jahr 2025 ist der Gasverbrauch gegenüber 2024 sogar um 8,8 Prozent gestiegen.
Auch im Verkehrssektor gibt es kaum Bewegung: Mit 19,8 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalenten (2023) ist der Verkehr für rund 29 % der österreichischen Treibhausgasemissionen verantwortlich, nur 4,9 Prozent der Autos fuhren 2025 rein elektrisch. Maßnahmen zur Einsparung von Treibstoff wären zwar notwendig, werden politisch aber nicht gewagt.
Die Strukturen müssen sich ändern
Mit REPowerEU hat die Europäische Union 2022 auf den russischen Angriffskrieg und die folgende Energiekrise reagiert. Ziel war es, Europa rascher von russischen fossilen Energieträgern unabhängig zu machen, Energie einzusparen, Lieferquellen zu diversifizieren und den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen. Das Programm hat zwar spürbare Wirkungen entfaltet, die strukturellen Probleme aber nicht gelöst.
Laut Europäischer Kommission wurde seit 2019 die Solarstromproduktion mehr als verdoppelt. 2022 erzeugten Wind- und Solarenergie zusammen erstmals mehr Strom als Gaskraftwerke, 2023 produzierte Windkraft allein mehr Strom als Gas. Trotzdem bleiben die Strompreise hoch. Gas bestimmt in Europa weiterhin in einem Großteil der Stunden den Grenzpreis. Gleichzeitig wurden gegen alle 27 Mitgliedstaaten Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, weil die RED III nicht fristgerecht umgesetzt wurde.
Die Frage drängt sich auf: Wie lange will Österreich noch an der Abhängigkeit von fossilen Energieimporten festhalten, die uns innerhalb kürzester Zeit bereits zwei massive Krisen beschert hat? Krisen, die humanitäre Tragödien und weltweit schwere wirtschaftliche Verwerfungen auslösen und Milliarden kosten. Die Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe stellt ein Risiko dar – Europa, und damit auch Österreich, werden in jeder künftigen Krise weiterhin diesem Risiko ausgesetzt sein, sofern sich strukturell nichts ändert.
Hausgemacht: Heimische Energie-Produktion als Weg in die Unabhängigkeit
Nur saubere Energie in Verbindung mit der Elektrifizierung kann den Kreislauf plötzlicher Preisanstiege bei fossilen Brennstoffen und Strom in Energiekrisen durchbrechen. Um den Ausbau der erneuerbaren Energiepotenziale wird in Österreich derzeit hart gerungen. Der nun von der Regierung vorgelegte Entwurf für das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), mit dem die europäische Erneuerbaren-Richtlinie RED III in Österreich umgesetzt werden soll, sorgt entsprechend für heftige Diskussionen.
Der Umweltdachverband (UWD) erkennt am EABG durchaus positive Elemente, etwa die Verfahrenskonzentration, die Digitalisierung und eine einheitlichere Kundmachung. Deutlich kritisch sieht der UWD in seiner Stellungnahme die Regierungsvorlage jedoch dort, wo sie auf Kosten von Umweltschutz und Öffentlichkeitsbeteiligung geht. Besonders problematisch sind aus Sicht des UWD Defizite bei den Aarhus-Beteiligungsrechten, der fehlende dezidierte Ausschluss von Europaschutzgebieten in der gesetzlich vorgesehenen Form sowie die Einbeziehung der Wasserkraft trotz des hohen Drucks auf Fließgewässer.
Auch die Ausbauziele sind – vor allem im Bereich Photovoltaik – zu wenig ambitioniert. PV Austria kritisiert in ihrer Presseaussendung, dass bereits jetzt mehr als die Hälfte der Bundesländer diese Zielwerte erreicht hat; nach aktuellen Abschätzungen werden bis 2027 rund drei Viertel der Bundesländer die PV-Mindestziele erfüllt haben.
Nach echter Beschleunigung im Photovoltaik-Ausbau sieht das nicht aus. Erstmals enthält die Regierungsvorlage zum EABG allerdings für jedes Bundesland konkrete, nach Technologien aufgeschlüsselte Vorgaben für den Ausbau.
Die Sorge ist groß, dass das Gesetz am Ende eher neue Rechtsunsicherheit schafft als tatsächliche Beschleunigung bringt – und zentrale Ursachen für lange Verfahren, etwa mangelnde Behördenkapazitäten, weiterhin ungelöst bleiben.
Biogas: Mehr als Energie
Abseits der breit diskutierten Energietechnologien Wasser, Sonne und Wind fristet die Bioenergie in Österreich ein besonderes Schattendasein: Die Ressourcen sind vorhanden, doch wir lassen sie weitgehend ungenutzt.
Wie viele Lösungen der Energiewende ist auch die Biogaserzeugung keine technologische Revolution, sondern beruht auf bewährten Prinzipien: auf effizienter Ressourcennutzung, regionaler Wertschöpfung und geschlossenen Stoffkreisläufen.
In der traditionellen, familiär-kleinbäuerlich strukturierten Landwirtschaft war dieses Wirtschaften in Kreisläufen lange selbstverständlich: Nichts wurde verschwendet. Was auf den Feldern wuchs, ernährte Menschen und Tiere. Was übrig blieb, wurde wieder in den Kreislauf zurückgeführt. Mist war Ressource – kein Abfall. Diese Form des Wirtschaftens war nicht nur effizient, sondern auch resilient. Die Produktion von Biogas ist demnach bewährtes, traditionelles Wirtschaften und gleichzeitig der Weg der Zukunft.
Naheliegend ist es, Biogas dort zu gewinnen, wo organische Reststoffe anfallen: in der Landwirtschaft, in Gemeinden und in der Abfallwirtschaft. Verwertet werden dabei keine Primärressourcen, sondern bestehende Stoffströme.
Biogas liefert mehr als nur Energie
Die Gärreste aus der Biogasproduktion sind kein wertloses Nebenprodukt, sondern ein wertvoller Dünger. Angesichts der Verknappung und Verteuerung von Düngemitteln ist das auch ein wirtschaftlich relevanter Faktor, der in der Bewertung der Biogasproduktion bisher zu wenig berücksichtigt wurde. Rein als Energiequelle betrachtet, ist Biogas derzeit etwa dreimal so teuer wie sein fossiles Pendant.
Gerade deshalb braucht es eine ganzheitliche Betrachtung: Reststoffverwertung, Düngersubstitution, heimische Wertschöpfung und Klimawirkung müssen in die Rechnung einbezogen werden. Erst dann wird sichtbar, welches Potenzial Biogas tatsächlich hat.
Potenzial vorhanden – politische Umsetzung fehlt
Österreich hat eine gute Basis für die Erzeugung von Biogas aus Reststoffen wie Gülle, landwirtschaftlichen Nebenprodukten und Bioabfällen. Das Umweltbundesamt schätzt das realisierbare Biomethanpotenzial in Österreich auf rund 10,7 TWh pro Jahr (Umweltbundesamt 2023).
Seit Anfang 2024 liegt dafür bereits eine abgestimmte Regierungsvorlage vor. Sie wurde jedoch im Bundesrat zurückgewiesen. Seither herrscht Stillstand. Gerade angesichts der aktuellen Krisen wäre jedoch das Gegenteil nötig: Tempo. Wenn wir eine echte Systemänderung einleiten wollen, müssen wir auch hier die Krise als Weckruf verstehen und endlich ins Handeln kommen. Denn Biogas ist ein zentraler Bestandteil eines zukunftsfähigen österreichischen Energiesystems.
Es geht um Resilienz, Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit, regionale Wertschöpfung und die intelligente Nutzung vorhandener Ressourcen. Gerade in einem Land wie Österreich, das über erhebliche Reststoffpotenziale, landwirtschaftliche Strukturen und eine bestehende Gasinfrastruktur verfügt, ist es energiepolitisch schwer nachvollziehbar, warum dieser Bereich weiterhin auf halber Strecke stehen bleibt.
Der Umweltdachverband fordert daher, die vorhandenen Potenziale endlich konsequent zu nutzen, und unterstützt in diesem Zusammenhang die Kampagne des Kompost- und Biogasverbandes „Zukunft Biogas“.
Die energiepolitische Debatte der kommenden Jahre wird sich daran messen lassen müssen, ob aus den Erfahrungen der letzten Krisen tatsächlich Konsequenzen gezogen werden.
Aufruf zum Handeln: Erneuerbare-Gase-Gesetz jetzt beschließen!
Es ist höchste Zeit, auf dem bisher nur zögerlich eingeschlagenen Weg endlich Tempo zu machen und die Weichen für eine naturverträgliche, unabhängige Energiezukunft entschlossen zu stellen. Österreichs Potenziale im Bereich Biogas sind hervorragend. Was jetzt jedoch dringend gebraucht wird, ist ein konkretes und rasch umsetzbares Erneuerbare-Gase-Gesetz (EGG), das den rechtlichen Rahmen für eine nachhaltige und marktwirtschaftliche Nutzung von Biogas schafft.
Eine Marktprämie für Biomethan, ähnlich den Fördermodellen für Wind- und Solarenergie, würde faire Wettbewerbsbedingungen schaffen und den Ausbau von Biomethan als festen Bestandteil der Energiezukunft gezielt voranbringen. Entscheidend ist dabei auch ein ambitionierter Hochlauf mit klaren Zielen und Ausschreibungen über 2030 hinaus.
Mehr zur Kampagne: zukunft-biogas.at